Die Geschichte der Erlenbacher Schiffswerft

Im spanischen Erbfolgekrieg (1701-1713) befanden sich am jenseitigen Mainufer 5 Schiffbauplätze, deren Gehämmer in das Dorf drang. Ob sie so viele Aufträge hatten oder ob es aus Gründen der Konkurrenz geschah, daß der Schelchbau teilweise auf das diesseitige Mainufer zur Verlegung kam, hat der Gemeindekassier nicht festgehalten. Er dachte nicht daran, daß das noch nach 250 Jahren jemanden interessieren könnte.

 

Immerhin trug er in die kleinen Dorfrechungen der Jahre 1704/07 mit kratzendem Gänsekiel den Erlös ein, den der Wörther Schiffbauer A. Schellenberger für den zum Schelchbau gepachteten Gemeindegrund an die Dorfkasse zu Erlenbach zu entrichten hatte.

Der Nachwelt ist dadurch das urkundliche Vermächtnis erhalten geblieben, daß schon vor zweieinhalb Jahrhunderten von jenem Ahnen der Schiffbau auf dem Platz ausgeübt wurde, wo ihn die Urenkel heute auszuüben pflegen. Das ist ein stolzes Blatt der Schellenberger'schen Familiengeschichte und ein zierendes Blatt für die Chronik des Dorfes.

 

Da nach 1707 sich die Einträge über vereinnahmte Pachtgebühren nicht wiederfinden lassen, muß angenommen werden, daß die Ausweitung des spanischen Erbfolgekrieges auf unser Gebiet den Schiffbau vor den Mauern des Dorfes zur Einstellung zwangen. Auch die Blütezeit des Wörther Schiffbaues hat ihn hier nicht wieder zu beleben vermocht.

 

Da seine industrielle Bedeutung damals sicherlich nicht groß war und auch keine Gewerbesteuergesetze zum Wohlstand und Bürgerglück beitrugen, wird um seine Wiedergewinnung vom Schultheiß und seinen Beratern nichts getan worden sein. Doch ganz ohne Verbindung zur Werft in Wörth blieb man trotzdem nicht. In größeren Zeitabständen und besonders dann, wenn im Wörther Stadtwald für den Schelchbau kein Moos abgegeben werden konnte, wurde von dem Schellenberger´schen Schiffbauunternehmen immer wieder Moos aus dem hiesigen Gemeindewald zum Abdichten der Nähte für die Holzschiffe käuflich bezogen.

 

Im Jahre 1830 allerdings handelte es sich durch den wegen der Eisenbahneröffnung Aschaffenburg/Miltenberg erfolgten starken Rückgang der Schiffahrt und des Schiffbaues nur noch um kleinere und seltene Mengen. Auch schon vorher hatte die Schiffahrt durch den im Jahre 1854 auf der Strecke Würzburg-Frankfurt eröffneten Eisenbahnverkehr erheblich gelitten.

 

Während z. B. 1857 noch 3565 beladene Schiffe Wertheim bergwärts passierten, waren es 1877 nur noch 1281. Die Konkurrenz der Eisenbahn war für die Schiffahrt und damit auch für den Schiffbau so schwerwiegend, daß von den früher in Wörth bestandenen 5 Schiffswerften im Jahre 1916 nur noch eine existierte, und zwar jene von Anton Schellenberger, die sich am hiesigen Mainufer verankerte. Ursache für diese Entwicklung war, daß die Güter mit der Bahn eine kürzere Strecke als jene auf dem Main zurückzulegen hatten. So beträgt die Länge der Bahnlinie der Mainlinie

 

von Mainz bis Frankfurt: 33 km 35 km
von Mainz bis Hanau: 54 km 54 km
von Mainz bis Aschaffenburg: 75 km 87 km
von Mainz bis Miltenberg: 112 km 124 km


Angeregt durch den auf deutschen Hochseewerften angewandten technischen Fortschritt, mußte sich auch die Schellenberger'sche Werft im letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts vom Holzschiffbau auf den Eisenschiffbau umstellen.

 

Durch den Bau eiserner Schiffe ist der bisherige durch den Holzschiffbau schon gegebene Lärm noch intensiver geworden, so daß aus den Reihen unmittelbarer Nachbarschaft im Jahre 1905 anonyme Beschwerdebriefe bei der unteren Staatsaufsichtsbehörde in Obernburg einliefen. Besonders die Bewohner der unteren hinteren Gasse beklagten sich über das Getöse und den Lärm . . . ! Die angeschriebene Stadt Wörth hatte sich mit aller Leidenschaft für das Unternehmen eingesetzt, nicht aber zu verhüten vermocht, daß der Schiffbaumeister Anton Schellenberger am 12.5.1905 beim Kgl. Bezirksamt Obernburg um den seit 1897 betriebenen Bau eiserner Schiffe, Bagger und Fähren nachzusuchen hatte.

 

Damals schon wollte die genehmigende untere Staatsbehörde die Verlegung der Werft von Wörth wegen des durch die Vernietung der Schiffe u. a. m. entstehenden Lärmes zur Auflage machen, kam aber durch die Vermittlung der Stadt in ihrem Erlaubnisbeschluß vom 14.9.1905 davon wieder ab. Die Länge des Wörther Schiffbauplatzes betrug 107 Meter, mußte aber im Jahre 1911 gegen die zähen Einsprüche einiger Nachbarn zum Bau größerer, moderner Schiffe und zur Aufstellung einer Feldschmiede um den Bleichplatz der Plan-Nr. 329 auf 119 Meter ausgedehnt werden, so daß die Neubauwerft mit 56 Meter und die Reparaturhelling für Holzschiffe nebeneinander lagen.

 

So ging es in den Krieg 1914/18 hinein, ohne daß dadurch der Betrieb und der Ausbau auf dem von der Stadt Wörth zu einem Preis von 120 Mk gemieteten Werftanlageplatz gestört worden wären. Unter dem Druck großer Platznot und auch nachbarlicher Beschwerden fertigte Anton Schellenberger am 4.1.1917 durch die Handelskammer für Unterfranken einen dramatischen Hilferuf an die Kgl. Bayer. Staatsregierung. Damals bemerkte er:

„. . . daß ich infolge des zu erwartenden Aufschwunges der Mainschiffahrt nach der Kanalisierung meine Werft modernisieren und erweitern möchte . . . und daß es mir nicht ohne weiteres möglich ist, einen anderen Platz zu beziehen, weil hinter dem gepachteten Platz innerhalb der Stadtmauer mein Eigentum liegt, auf welchem sich die Werkstätten mit den maschinellen Anlagen befinden . . . „.

Und die damals ebenfalls angerufene Reederei Presser, Würzburg, schrieb:

„. . . Gibt es denn keine Möglichkeit, die Gemeindeverwaltung Wörth zu veranlassen, einen entsprechenden Platz an die Schiffswerft zu verkaufen . . . es liegt im Interesse der bayer. Schiffahrt, des Handels und der Industrie, daß dem Mainstrom eine leistungsfähige Werft erhalten bleibt."

 

Die Objektivität des Chronisten gebietet, nun auch die Widerrede der Stadt Wörth auszugsweise zu bringen. Sie wußte sich zu wehren und schrieb:

„. . . Dem Stadtmagistrat liegt es ferne, dem Schellenberger in der Ausübung seines Schiffbaubetriebes auf irgendeine Weise hinderlich zu sein . . . „. Aus Gründen des Rechts und der Wahrheit widerlegt sie mit reinem Gewissen die ihr gemachten Vorwürfe, ohne daß sie die schon vorbereitete Verlegung ihres historischen Kleinods hätte verhindern können.

 

Der Platz war für die modernen Schiffe eben zu klein geworden. Von Aufträgen und der günstigen Stunde des Augenblickes getrieben, wagte Schellenberger im letzten Jahr des ersten Weltkrieges zur Überraschung des Dorfes den Sprung über den Main, wo ihm ein allen Erfordernissen genügender Platz zur Verfügung stand. Erlenbach kam ihm entgegen, worüber es aber später zu großen Gegensätzen in der Gemeinde kam.


Es war Donnerstag, der 22. November 1917; ein Kriegstag und doch ein Glückstag. An jenem Tage hatte Bürgermeister Zöller nach einer Sitzungspause von 3 Monaten seine 10 Ausschußmitglieder zu einer Gemeinderatssitzung eingeladen. Auf der Ladung stand ein einziger Punkt: Fassionsberatung. Sie galt den Dienstgrundstücken des Lehrers, die am Rande der Dorfgrenze lagen. Und als in der abendlichen Stille die Beratung hierwegen zu Ende war, schrieb der Gemeindeschreiber und Lehrer Leibmann mit guter Tinte in das abgewetzte Sitzungsbuch der Gemeinde:

„ . . . Auf hiesiger Gemarkung soll ein größeres industrielles Unternehmen ins Leben gerufen werden. - Grund und Boden hierfür wurde zum Teil bereits angekauft. - In das Baugelände fallen auch zwei kleinere Grundstücke, deren Benutzung dem Inhaber der 1. Schulstelle fassionsmäßig zusteht, nämlich die Plannummer 263 im Fahrwingert und Plannummer 298, sowie einiger sonstiger Grundbesitz der Gemeinde.

Das war die Geburtsstunde eines neuen Erwerbszweiges in Erlenbach. Und alle die daran beteiligt waren, ahnten nicht, daß sie damit für die Aufgabe und Geschichte des alten Dorfes ein neues Blatt angelegt hatten.

Der Gemeinderat genehmigte mit Beschluß vom 23.10.1918 endgültig die mit dem Grunderwerb verbundene Ansiedlung, ohne eine besondere Reaktion er¬kennen zu lassen. Man wußte nicht, was daraus wird, und Industrien waren damals noch nicht allzu gerne gesehen. Obwohl man der Firma damals nur zögernd entgegenkam, zog frischer Schiffbaugeist an der Stelle des Mainufers auf, wo vorher noch Weingärten und die Turnwiese waren.

 

Zunächst wurde mit Beschluß vom 4.5.1919 dem Bauingenieur Franz Schellenberger, einem Sohne des Schiffbauers Anton Schellenberger, das Bürgerrecht der Gemeinde verliehen, dann wurde der Werft mit 8 gegen 4 Stimmen der Anschluß an die örtliche Wasserleitung unter der Bedingung erlaubt, daß ein „mäßiger" Was¬serverbrauch, der der Größe eines Haushaltes entspricht, gepflegt werde. In weiteren Beschlüssen wurde mit 6 gegen 5 Stimmen die Errichtung einer Wohnsiedlung zur Heranholung von Fachkräften mit der Begründung erschwert, daß das vorgesehene Baugelände am Seeweg zu weit vom Dorf entfernt sei, worüber an anderer Stelle eingehend berichtet ist.

 

Mit einem anderen Gemeinderatsbeschluß wurde der Werft in der Inflationszeit der rechtzeitige Bau eines Industriegeleises, das auf 340 000 Mk gekommen wäre, mehrfach verzögert. Aber all diese anfänglichen Behinderungen haben die Entwicklung des Unternehmens, das sich im Frühjahr 1918 in eine Gesellschaft verwandelte, nicht aufzuhalten vermocht. Sie begann mit Reparationslieferungen für das Reich und 1922 mit dem Bau von Kähnen und Herne-Kanal-Schiffen. Die Zahl der betriebsbeschäftigten Personen betrug:

1920 : 60
1925 : 550
1930 : 320
1941 : 420
1957 : 380

Unter ihnen sind viele Arbeitskräfte aus Wörth, die es vordem bequemer hatten.

Da der Werftbetrieb stark von der Rheinschiffahrt abhängig ist, gab es im Herbst 1923 einen empfindlichen Rückschlag. Die nach dem ersten Weltkrieg durchgeführte Besetzung des Ruhrgebietes legte die gesamte Rheinschiffahrt still, wodurch für die Schiffbaugesellschaft auch die reparaturbedürftigen Rheinschiffe ausfielen. Da auch die Reichsaufträge nicht rechtzeitig einliefen, mußte der Betrieb bis auf einen kleinen Aufräumtrupp mit dem 7.12.1923 stillgelegt werden. Eine ähnliche Lage trat auch im Herbst des Jahres 1925 ein. Von diesen durch die Zeitgeschehnisse bedingten Betriebsstörungen abgesehen, war die weitere Aufwärts-Entwicklung des Unternehmens nicht aufzuhalten. Als größte Schiffbaugesellschaft in Bayern war es vielmehr immer für alle Aufträge gerüstet und in Vollarbeit. Von ihren Hellings wurde Schiff um Schiff vom Stapel gelassen.

 

Auch im zweiten Weltkrieg ruhte die Arbeit nicht. Für das Oberkommando der Marine waren Marinefahrzeuge (z.B. Artillerieträger) und für das Oberkommando des Heeres Landungsboote gebaut worden. Mit der Besetzung von Erlenbach durch amerikanische Einheiten blieb die Werftarbeit nach Ostern 1945 auf etwa 5 Wochen eingestellt. Als der Betrieb wieder aufgenommen werden konnte, waren 19 Fahrbrücken zu bauen, die den Übersetzverkehr anstelle der gesprengten Mainbrücken zu befriedigen hatten. Der Stolz der Gesellschaft aber sind die kleinen und großen Neubauten, darunter die 2 großen im Jahre 1952/53 auf der Werftanlage mit je 1125 to Tragfähigkeit gebauten Seetanker, die im Atlantikdienst verkehren, welche den Ruf der Firma und ihrer Schiffbaukunst sowie den Namen des Marktes über Länder und Völker verkünden. Als bedeutendes Unternehmen ist die Baye¬rische Schiffbaugesellschaft aus ihrer neuen Heimat nicht mehr wegzudenken. Sie hat bis heute 900 Schiffe gebaut und instandgesetzt. Die Länge der Werftanlagen beträgt 498 Meter.

 

In Anerkennung seiner besonderen Verdienste für Staat und Volk wurde dem Direktor Franz Josef Schellenberger vom Bundespräsidenten das Große Bundesverdienstkreuz Erster Klasse verliehen und am 28.7.1958 durch den Regierungspräsidenten Dr. Hölzl in einer besonderen Feierstunde überreicht